Ella Fitzgerald (1917-1996), die „First Lady of Song“, entdeckte Montreux am 22. Juni 1969 bei der dritten Ausgabe des Festivals und sollte mehrfach zurückkehren. Dieses erste Konzert sagt alles über ihre Intelligenz als Interpretin: begleitet vom Pianisten Tommy Flanagan, dem Bassisten Frank de la Rosa und dem Schlagzeuger Ed Thigpen, mischte sie die Standards, die sie berühmt gemacht hatten, mit Coverversionen der aktuellen Hits, „Sunshine of Your Love“ von Cream und „Hey Jude“ von den Beatles. Mit über fünfzig griff die Königin des Scat nach dem Repertoire der jüngeren Generation.
Ella Fitzgerald: das Konzert von 1969, das fünfzig Jahre wartete
22. Juni 1969: Ella singt Cream und die Beatles
Das Festival war drei Jahre alt, als Ella Fitzgerald dort am 22. Juni 1969 zum ersten Mal sang. Sie war zweiundfünfzig und hatte dreissig Jahre Karriere hinter sich.
Ihr Bühnentrio an jenem Abend: Tommy Flanagan am Klavier, Frank de la Rosa am Kontrabass, Ed Thigpen am Schlagzeug. Das Programm überraschte, neben „I Won’t Dance“ und „That Old Black Magic“ sang sie „Sunshine of Your Love“, das Stück von Cream aus dem Vorjahr, und „Hey Jude“, das die Beatles gerade veröffentlicht hatten.
Weit entfernt von einem Zugeständnis war diese Wahl typisch für sie: Ella Fitzgerald hatte die populäre Musik ihrer Zeit stets als Rohstoff genommen, ungeachtet ihres Etiketts.
Claude Nobs erzählte gern, wie er Ella Fitzgerald 1969 am Steuer seines Lagonda abgeholt hatte, zusammen mit ihrem gefürchteten Impresario Norman Granz. Auf der Autobahn blieb der Wagen liegen; erst der TCS zeigte, dass ein zweiter Tank auf Knopfdruck öffnete. Im Hotel schaltete Ella das Schweizer Fernsehen ein: „Wo immer ich auf der Welt bin, schaue ich lokales Fernsehen“ („Le petit prince du jazz“, Le Matin, 2011).
Wie fast alle Montreuxer Konzerte wurde auch dieses gefilmt und aufgezeichnet. Doch es blieb jahrzehntelang im Festivalarchiv.
Erst 2005 erschien es erstmals auf DVD, und erst am 20. Januar 2023 (mehr als fünfzig Jahre nach dem Konzert) kam „Live at Montreux 1969“ endlich auf CD und Vinyl bei Mercury Studios heraus.
Das ist die konkrete Veranschaulichung dessen, was die Festivalarchive bedeuten, die in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen wurden: ein Bestand, in dem ganze Konzerte schlafen, bis man sie weckt.
Was in Montreux geblieben ist
1969 war nur ein Anfang: Ella Fitzgerald kehrte im Lauf der 1970er-Jahre mehrmals zum Singen nach Montreux zurück.
Ihre Büste, ein Werk der Bildhauerin Danièle Lauffer, wurde 2007 dank Barbara J. Riley im Garten des Montreux Palace aufgestellt. Sie steht neben jenen von Ray Charles, B.B. King, Aretha Franklin, Carlos Santana und Quincy Jones: dem Pantheon von Claude Nobs.
Das Herz des Festivals seit 1993: unter einem Dach das Auditorium Stravinski und die Säle, die jeden Sommer die halbe Musikgeschichte empfangen.
In Montreux aufgenommene Musik
1969
Live at Montreux 1969
Das Konzert vom 22. Juni 1969, Ella Fitzgeralds erster Auftritt in Montreux, mit Tommy Flanagan am Klavier, Frank de la Rosa am Kontrabass und Ed Thigpen am Schlagzeug. Im Festivalarchiv verblieben, erschien es erst 2005 auf DVD und am 20. Januar 2023 auf CD und Vinyl.